browser icon
You are using an insecure version of your web browser. Please update your browser!
Using an outdated browser makes your computer unsafe. For a safer, faster, more enjoyable user experience, please update your browser today or try a newer browser.


Plädoyer gegen die Hysterie

Posted by on November 10, 2017

Sportlich voll im Soll, die Play-Offs fest im Blick – der Schwenninger Fan könnte sich eigentlich gemütlich zurücklehnen und sich des Lebens freuen. Doch leider scheint das nicht zu reichen. Denn wie auch in anderen Bereichen der Gesellschaft, wo aus jeder Mücke gerne ein Elefant gemacht wird, wo jedes noch so kleine Thema eine Bühne findet um hochgejazzt zu werden, gibt es auch im Eishockey Ereignisse, die beinahe hysterisch und übertrieben bearbeitet und besprochen werden.

Thema 1, hier in Schwenningen: Der Bremerhavener Bus wird besprüht. Klar, dass ist keine schöne Sache, der Verursacher – wenn er denn gefunden wird – sollte auch „die Ohren lang gezogen“ bekommen. Aber was man sonst so gelesen hat? „Steinigen und lebenslanges Stadionverbot“. Bitte? Geht’s auch ne Nummer kleiner? Ja, es gibt einen Sachschaden, aber der ist in überschaubarem Rahmen. Es wurde keiner verletzt, es wurde keiner gefährdet und wenn es abwaschbare Farbe wäre, dann könnte man darüber sogar schmunzeln. Man merkt es auch ligaweit, dort wurde von der Aktion Notiz genommen, kurz der Kopf geschüttelt und dann ist man zurück zur Tagungsordnung. Bremerhaven hat eine launige Meldung, Stichwort „Spätzle-Aboriginies“ geschrieben und mehr Aufmerksamkeit haben solche Aktionen, möglicherweise gerechtfertigt durch eine krude Ultra-Kultur, überhaupt nicht verdient. Nur in Schwenningen überbietet man sich mit den Forderungen nach Konsequenzen, schreibt weitschweifige Stellungnahmen und Entschuldigungen als hätten Schwenninger Fans einen Kindergarten überfallen. Ist das wirklich nötig und der Sache angemessen? Ich denke nein.

Thema 2, ligaweit. Die Adler aus Mannheim spielen Champions Hockey League, verlieren in Brynäs, scheiden aus, werden durch die Schiedsrichter – mit neutraler Brille – über das ganze Spiel benachteiligt und am Ende entlädt sich der aufgestaute Frust, besonders bei Thomas Larkin manifestiert er sich in einem üblen Blindside Hite gegen Daniel Paille. Ohne jede Diskussion, das war ein böses und gesundheitsgefährdendes Foul. Doch Worte wie „Amoklauf“, „Mordversuch“ und Forderungen nach lebenslanger Sperre sind auch hier völlig übertrieben. Man muss die Kirche im Dorf lassen, Fouls gehören zum Sport (leider) dazu und bei Vollkontaktsportarten, wie Eishockey eine ist, kann es bei harten Fouls auch zu ernsten Verletzungen kommen. Dies wird von den Spielern aber akzeptiert, das sind alles keine Unschuldslämmer und Hasenfüße.

Kleiner Exkurs, weil sich immer wieder beschwert wird, dass man nix über Verletzungen erfährt: Weiß ich, dass mein Gegenspieler z.B. eine Oberschenkelprellung rechts oder eine Bänderdehnung in der Schulter links hat, dann bearbeite ich die Stelle auf legale und illegale Weise, mit Körper, Stock und allem was ich habe. Jeder, der selber auf dem Eis stand, weiß, wieviele Möglichkeiten du dazu im Spiel hast, die ein Schiri gar nicht sehen kann. Das ist wie beim Boxen, da haue ich auch immer wieder auf den offenen Cut drauf. Fair? Bedingt. Zur Sportart zugehörig: Definitiv.

So, und das ist üblich und Verletzungen gehören zu dieser Sportart dazu. Es hat böse Fouls wie das Larkin-Foul schon immer gegeben (die Älteren werden sich in unserer Welt z.B. an Handrick-Martin erinnern) und es wird sie auch weiterhin geben. Und im Vergleich zu anderen Fouls aus der Vergangenheit ist diese Aktion jetzt auch nicht „outstanding“, sondern reiht sich in die Sammlung der „Dirty Hits“ ganz gut ein. Ob die Strafe mit nun 4 Spielen um 2 Spiele zu niedrig ausgefallen ist, darüber kann man streiten, aber in Relation zur Länge der CHL-Saison ist das eine harte Strafe, vergleichbar 20 Spiele in der NHL. Blicken wir kurz in die Vergangenheit:

Die Eishockey-Welt kennt eine gültige lebenslange Sperre (Ryspayev, KHL) und eine begnadigte lebenslange Sperre (Coutu, Boston, 1927). Und in vielen zigtausend Spielen seit 100 Jahren und mehr gibt es nur gut zwanzig dokumentierte Sperren für 20 oder mehr Spiele, darunter auch der hier bekannte Gordie Dwyer oder der in Deutschland hoch angesehene Tom Kühnhackl. Die meisten Strafen übrigens für Stockaktionen und/oder Attacken gegen Offizielle. Wenn die ganze Eishockey-Welt, die aus Spielern und ehemaligen Spielern besteht, wirklich der Meinung wäre, dass solche Aktionen so schlimm sind wie sie in den letzten Tagen vermeintlich gemacht wurde, müsste dann nicht ein Konsens herrschen, dass es viel mehr dieser hohen Strafen gibt?

Also auch hier – runterfahren und nicht den ganzen Hass auspacken, nur weil es sich um einen Mannheimer handelt. Als Alex Dück einst in den Play-Downs Frankfurts Superstar Pat Lebeau mit einem üblen Hit gleich im ersten Spiel aus der Serie genommen hat, da hat kein Hahn in Schwenningen danach gekräht. Waren die Zeiten anders? Ist es eine Generationenfrage, die heute ein anderes und „weicheres“ Eishockey sehen wollen?

Das Gegenargument zum ganzen Thema ist, dass so schnell die Hysterie beginnt, alles auch wieder vorbei ist. Wie bei einem guten Shitstorm. Doch macht es das besser?
Deshalb: Plädoyer gegen die Hysterie. Calm Down. Runterkommen und Sachen realistisch betrachten. Durchatmen => Nachdenken => Posten.

Oder welche Sau treiben wir nächste Woche lautstark durchs Dorf?

Ein Kommentar zu Plädoyer gegen die Hysterie

  1. Schradin

    Grundsätzlich kann ich Dir zustimmen, allerdings würde ich auch dazu mahnen, dass Problem immer mal wieder vorkommender Dirty Hits nicht nur mit Bezug auf den „Täter“ und dessen (sportgerichtliche) Bestrafung zu sehen, sondern auch mal mit Blick auf die „Opfer“. Ein „Dirty Hit“ hat nämlich schon bei manchem Betroffenen für erhebliche Verletzungen mit tatsächlichem Karriereaus gesorgt (samt Folgen für die eigene Zukunft und evtl. auch der Familie), und da habe ich dann auch volles Verständnis dafür, dass bei „Dirty Hits“ dann durchaus harte Bestrafungen als nur ein paar Spiele Sperre gefordert werden (wenngleich der „Mordversuch“ tatsächlich vollkommen übertrieben erscheint). Auch wenn jedem Spieler klar ist, dass er beim (Profi-) Eishockey einen „harten Sport“ betreibt, in dem Körperlichkeit und Verletzungsgefahr hoch sind, ist (Profi-)Eishockey immer noch ein Sport, der nach festgelegten Regeln geführt wird und auch kein „strafrechtsfreier Raum“ neben der außersportlichen Realität darstellt. Zugegebenermaßen ist die Beurteilung, ab wann eine Aktion den sportlichen (und damit sportgerichtlichen) Rahmen verlässt, sehr schwierig, aber zumindest sollte allen Akteuren DEUTLICH klar gemacht werden, dass man (sportlichen) Frust auch anders ausleben kann als einen Gegenspieler rüde über den Haufen zu fahren.
    Insofern würde ich eine „Aufgeregte realistische Betrachtung“ auch nicht mit „Hysterie“ gleichsetzen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.